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Spurensuche in sieben Generationen

von Prälat Michael H. F. Brock – Die erste Generation, die ich bewusst erlebt habe, in Gestalt meiner Urgroßoma, wurde noch im neunzehnten Jahrhundert geboren, hat zwei Weltkriege erlebt, und ich fand meine Urgroßoma immer in den Sommerferien in H. in W., hinter dem Ofen sitzend, oder auf der Bank vor dem Haus, in schwarze Kleider gehüllt, mit einer Schürze bekleidet, beim Kartoffelschälen.

 

Opa und Oma, die beiden mütterlicherseits, haben mir den Krieg verschwiegen, alle beide. Nur dass Opa immer Streifen an meinen Hosen vermisst hat. Großmutter väterlicherseits war der Krieg auch noch in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts anzumerken. Sie war stark und hart, nicht nur zu ihren Söhnen. Sie hatte ihren Mann verloren im Krieg. Das war die zweite Generation meiner Erinnerung. Die dritte Generation hat uns, der vierten Generation, ihr ganzes Leben lang verschwiegen, dass sie die Liebe nie kannte. Sie kannte Abschied, Aufbruch und Verantwortung. Leistung war ihr Thema, Arbeit und Anerkennung. Es war die Generation, die es wieder zu etwas gebracht hatte: Zu unserem Land, einem trügerischen Frieden, zu Wohlstand und zu einer Versicherungslogik in allen Belangen. Wir, die vierte Generation, haben alles bekommen, was wir zum Leben brauchten: Bildung, ein Dach über dem Kopf, Geld, eine Menge Leistungserwartung und Verantwortung. Nur was wir uns erträumt haben, Geborgenheit und Liebe, konnten wir nicht erwarten von der Generation, die sich damit begnügen musste, überlebt zu haben und aus den Trümmern wieder Städte zu bauen. Die fünfte Generation hat sich dann ausgetobt. Dafür waren wir, die vierte Generation, zu jung. Der sechsten Generation haben wir unsere Träume überliefert, die Sehnsucht nach Gebor­genheit und die leidlich ersten Versuche, das Wort Liebe wenigstens wieder zu buchstabieren. Freilich haben wir fast die ganze Generation gebraucht herauszufinden, dass wir sie über­haupt vermissten. Wie gesagt, wir kannten die Liebe nicht. Heute wird gerade die siebte Generation geboren. Hoffentlich kommt ihr kein Krieg dazwischen. Denn sie hätte die Chance endlich wieder zu leben, was durch zwei Kriege verloren ging: Liebe und Geborgenheit. Heute verabschieden wir die dritte Generation. Manche von uns versöhnt. Bei manchen steht ein versöhnter Abschied noch aus. Und andere haben diese sieben Generationen völlig anders erlebt. Gott sei Dank.

 

 

Autor und Sprecher: Prälat Michael H. F. Brock
Quelle: zeittöne Frühjahr/Sommer 2019

 

 

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