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Geduldige Ungeduld

von Prälat Michael H. F. Brock – Kann man Geduld lernen? Ist es überhaupt wichtig, geduldig zu sein? Ich erforsche mein Inneres. Ich bin kein geduldiger Mensch.

Ich war es nie. Es gibt Situationen, da ist Geduld auch gar nicht angesagt. Ich verspüre Eile, wenn es darum geht, dass die Menschheit zur Vernunft kommt. Wenn ich mir vor Augen führe, wie Menschen heute an die Macht kommen und daran festhalten.

Mir fallen viel zu viele Beispiele ein und Länder, in denen Menschen an der Macht sind, die mit dem Feuer spielen und mit Menschen. Nein, ich habe kaum Geduld mit Menschen, die mit anderen Menschen und mit dem Frieden auf unserer Erde zu spielen scheinen. Und ich habe keine Geduld, wenn ich Menschen in Not erlebe.

Wir haben als Stiftung im vergangenen Jahr Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben es bei uns nicht politisch zerredet, sondern gehandelt. Das war biblisch und vertrug keinen Aufschub: Da ist jemand hungrig, also gib ihm zu essen. Da ist jemand durstig, also gib ihm zu trinken. Da ist jemand ohne Heimat, also gib ihm Obdach.

Ja, ich habe auch keine Geduld, wenn Menschen in Trauer sind oder in Sorge. Da bedarf es eines tröstenden Wortes sofort, einer Hand, einer Geste, Orte und Zeiten zu heilen, was verwundet ist. Dann aber – zur Heilung – ist Geduld nötig. Ich weiß, was es bedeutet, zur falschen Zeit keine Geduld zu haben. Oder Ungeduld am falschen Ort. Menschen, die ich überfordere, indem ich zu wenig Raum oder Zeit lasse. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mehr Einfühlungsvermögen von mir bräuchten und die meine Ungeduld nur verunsichert.

Eigentlich kommt das Wort Geduld ja von „tragen“ oder „mittragen“ – und nicht von „Hektik “ oder „jagen“. Das muss ich mir immer wieder bewusst machen. Und – so die Sprachwissenschaft – es steckt auch das „standhafte Wagen“ darin.

Irgendwie scheint sie eine Tugend zu sein, die Geduld, die viele Gesichter hat. Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern, schreibt Konfuzius. Diesen Satz will ich mir merken. Es hat auch mit Gelassenheit zu tun, Kleines wachsen zu lassen, Menschen Zeit zu geben. Nicht immer gleich alles zu wollen.

Christian Morgenstern hat das schön ins Bild einer Sanduhr gebracht: „Da lässt sich nichts durch Rütteln und Schütteln erreichen. Du musst geduldig warten, Körnlein um Körnlein (...).“ Ich finde tausend Gründe, mich zu erinnern, wie notwendig und heilsam die Tugend der Geduld ist. Nur an eine Grenze stoße ich. Ich sag es mal mit Jean-Jacques Rousseau. Der schreibt im „Emil oder Über die Erziehung“: „(…) denn es liegt in der Natur des Menschen, zwar die durch die Verhältnisse bedingte Notwendigkeit, nicht aber den Eigenwillen anderer geduldig zu ertragen.“

Das ist der Punkt. Da fehlt es mir an Geduld. Wenn jene Populisten, die heute wieder hoffähig werden, meine Geduld auf die Probe stellen. Oder meinen Glauben an die Vernunft im Menschen. Ich denke, das muss man nicht „ertragen“. Sondern standhaft bleiben. Ich übersetze Geduld auch manchmal mit Langmut oder Ausdauer. Ja, wo die Welt aus den Fugen gerät, da will ich nicht still zuschauen, sondern langmütig werden, das heißt, ausdauernd um Einsicht mich mühen.

Alles, was nur Einzelnen nützt, Egoismen von Menschen, Religionen oder Staaten, hat langfristig immer zu Untergang oder Krieg geführt. Damit habe ich keine Geduld. Aber in meiner Ungeduld bleibe ich ausdauernd!