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Er wurde geboren, mag sein in Bethlehem

von Prälat Michael H. F. Brock – Es ist eigentlich nicht schwer zu verstehen. An Weihnachten ist ein Mensch geboren worden, ein Kind. Viele sagen, in Bethlehem.

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Das mag sein. Aufgewachsen ist er in Nazaret. Er wurde getauft am Jordan. Gelebt hat er seine öffentlichen Jahre in Kafarnaum, in Chorazin und Betsaida am See Genezareth. Vorausgegangen war mehr als eine Prophezeiung. Ein Volk hatte Veränderung erwar tet. Und diese Veränderung sollte von Gott kommen. Endzeitstimmung in Israel. Vielvölkerstaat. Multi-Kulti. Das war Israel zur Zeit Jesu. Landbrücke über drei Kontinente: Europa, Afrika, Asien. Wer dieses Land besaß, der herrschte über eine Gelddruckmaschine: Handelswege und Zollstationen. Als Jesus geboren wurde, gab es schon einen Sohn Gottes. Es war Augustus, der Kaiser in Rom. Erwartet wurde sehr Unterschiedliches. Ein Messias. Aber welcher? Einer, der mit Macht das Land befreit von jeder Fremdherrschaft? Ein König, der die Könige und Kaiser seiner Zeit besiegen würde? Ein Gott gegen alle Götter oder doch ein Gott unter Vielen? Auferstehung der Toten war umstritten. Rom war umstritten. Die Priester im Tempel waren es auch. Die beliebtesten Männer im Volk Israel (das es in der Form, wie wir es uns denken, gar nicht gab): Mose, der einzige, der Gott je gesehen hat. Elia, der als einziger mit Leib und Seele in den Himmel aufgefahren war. Die beliebteste Frau: Debora, Richterin und Prophetin. Die beliebtesten Götter: Dionysos, der für Leidenschaft und Wein stand. Oder Demeter, Göttin des Brotes. Oder doch Mars und Jupiter. Der Gott Jahwe im Tempel zu Jerusalem war es mit Sicherheit nicht. Der war nur ein kleiner Regionalgott. Hätte Herodes der Große ihm keinen so bedeutenden Tempel gebaut, wäre er im Weltgeschehen gar nicht aufgefallen. Mit Sicherheit hat Jesus an ihn geglaubt. Aber wie man an ihn glauben soll, war ebenfalls reich umstritten. Genügt es, seine 613 Gesetze zu befolgen? Oder braucht es den Opferkult am Tempel, um ihn zu beschwichtigen? Sind es die Priester, ist es der Hohe- priester, denen es zu folgen gilt? Sadduzäer, Pharisäer, Essener: Wer wusste die Wahrheit? Keiner wusste sie. Jeder behauptete sie. Es hat sich nichts verändert.

 

Jesus hat sich verändert im Laufe seines Lebens. Vom kleinen Kind zum neugierigen Jugendlichen, der von zuhause wegläuft, um im Tempel zu diskutieren. Vom schweigsamen Handwerker, von dem wir fast dreißig Jahre lang nichts hören, zum feurigen Verfechter einer neuen Idee. Erst für Israel, dann in seinen Gedanken und Werken für die ganze Welt. Er hat sich entwickelt vom gläubigen Juden, mit leichter Nähe zu Dionysos, zum erbitterten Feind reiner Gesetzesfrömmigkeit und Opferkult des Tempels. Für uns entscheidend bis heute. Was war neu geworden? Jesus ist der erste Mensch, den wir in der Geschichte kennen, der gelernt hat, über die Grenzen von Nationalität, Kultur und Religion hinauszudenken und einen kleinen Regionalgott zum Gott aller Menschen zu machen. Und entgegen den Gepflogenheiten seiner Zeit dachte er ihn sich ohne Gesetzesfrömmigkeit und ohne die Notwendigkeit, ihm zu opfern. Er nannte ihn Abba, geliebter Papa. Herzlicher kann man sich das Verhältnis zu einem Gott nicht denken. Und er lernte die Menschen zu lieben. Auch das war ein Prozess. Mit der syrophönizischen Frau fing es an und ging weiter mit dem römischen Hauptmann in Kafarnaum, seinem Knecht und der Frau aus Samaria. Sie alle stehen stellvertretend für eine ganze Weltgemeinschaft, die er auf das Ursprünglichste zurück- führte, was diese Menschheit auch als einziges vereinen kann. Es ist die reine Menschlichkeit im Namen eines gemeinsamen und barmherzigen Anfangs und Ursprungs: Abba, geliebter Vater. Es war eine Lebensentscheidung, die in ihm reifte. Und verstanden hat er sie erst als Er- wachsener bei seiner Taufe am Jordan: Der Himmel steht offen für alle. Und am Ende unserer Tage erwartet uns der Vater wie im Gleichnis des barmherzigen Vaters, mit offenen Armen uns heimzuholen in das Reich Gottes, in dem wir schon leben konnten hier auf Erden, je nach unserer Entscheidung, daran teilhaben zu wollen.

 

Er, Jesus, konnte sich mit Ausgrenzung und Leid der Menschen, die ihm begegnet sind, nicht mehr abfinden und lehrte seine Jünger, es ihm gleichzutun. Er setzte auf Jüngerschaft. Nachfolge wurde zum Schlüssel der Weitergabe dieses Glaubens an eine Menschheit, die nicht ausgeliefert ist, weder den Mächtigen noch den Göttern. Er setzte auf Menschen, die sich für Menschen entscheiden. Und das hatte Wirkung: Blinden das Augenlicht, Lahmen den aufrechten Gang, Tauben gute Worte und Stummen eine Stimme, die von Herzen kommt.

 

All dies, diese Gedanken und die Art zu handeln, gingen von einem Menschen aus. Jenem, der in Bethlehem geboren sein mag und sicher in Nazaret aufgewachsen ist. Jener, der in Kafarnaum gelebt hat, in Chorazin und Betsaida am See Genezareth. In Cäsarea Philippi, an den Quellen des Jordan, hat er entschieden, für diese Gedanken sein Leben zu geben. Denn er wusste, für die Freiheit der Menschen sich einzusetzen, heißt zu kämpfen gegen alle, die sie besitzen wollten. Menschlich konnte er diesen Kampf nicht gewinnen. Und also starb er am Kreuz. Ein doppelter Prozess machte es möglich. Erst ein religiöser, dann ein weltlicher Prozess.

 

Nach zweitausend Jahren wird es Zeit, das Original wieder anzuschauen. Jesu Leben. Seine Menschwerdung, seine Botschaft, sein Handeln. Seine Vorstellung von Gott hat es in seinem Leben erst möglich gemacht, barmherzig über die Menschen zu denken und sich ihrer zu erbarmen.

 

Ob er Gottes Sohn war? Ja, er war der Sohn des lebendigen Gottes. Wie wir Töchter und Söhne des lebendigen Gottes sein dürfen. Ob wir Wunder tun können? Kommt und seht. Sie geschehen jeden Tag. Menschen werden einander berührbar, können verzeihen, vergeben, lieben und leben. Und manche schaffen es über die Grenzen von Nationalität, Kultur, und Religion hinaus, wie er damals. Welch‘ Wunder, die unsere Menschheit so bitter nötig haben. Es ist einmal geschehen. Es kann wieder geschehen. Heute. Wir müssen ihn nur endlich runterlassen vom Thron, auf den wir ihn gesetzt haben zur Rechten Gottes des Vaters, der doch Abba sein will, geliebter Papa. Und er wird nicht Erlöser der Welt sein, sondern Freund und Bruder, zur Erlösung der Welt. Frohe Weihnacht. Er wurde geboren, damals, mag sein in Bethlehem. Wo bist du geboren? Und: Was für ein Mensch möchtest du sein?

 

 

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