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Das Glück üben

von Prälat Michael H. F. Brock – Wieviel Lächeln braucht ein Tag? Oder besser: Welches Lächeln braucht dein Tag?

Es gibt Tage ohne Lächeln. Es sind diese ganz normalen Tage gelangweilter Normalität. Aufstehen, viel zu früh. Schweigen beim Frühstück. Der Gang unter die Dusche notwendig, aber nicht belebend. Die Fahrt zur Arbeit über verstopfte Straßen. Die Gedanken an Frau Werner nerven. Sie wird wieder nörgelnd im Bett sitzen. Sie will weder gepflegt noch angezogen werden. Sie wird schimpfen über die Einsamkeit und den Kaffee. Irgendwas ist immer falsch. Nur ich soll immer freundlich sein. Heute werde ich nicht freundlich sein, denke ich. Ich werde meine Arbeit machen. Aber warum soll ich freundlich sein. Wir sind sowieso zu wenige auf Schicht und Veronika, die aus dem zweiten Ausbildungsjahr, steht nur im Weg herum.

 

Nach der Arbeit soll ich noch einkaufen. Gerade fällt mir ein, dass ich noch Wäsche in der Maschine habe, und überhaupt, wenn jetzt die Sonne wieder scheint, bedeutet es eigentlich nur Arbeit: Fensterputzen und so. Lächeln kostet extra, denke ich. Und der Gedanke an mein Gehalt lässt kein Lächeln zu. Basta! Abends noch das Länderspiel im Fernsehen. Wenigstens das. Ich kann schon wieder nicht schlafen. Immer das Gleiche. Endlich um zwei Uhr morgens kann ich schlafen. Aber da klingelt ja fast schon wieder der Wecker.

Frau Werner habe Christine erzählt, dass ich gelächelt haben soll beim Betten machen. Und irgendwie hat sie heute nur drei Mal genörgelt. Ich hab doch nicht gelächelt, denke ich. Nicht wissentlich und schon gar nicht absichtlich. Aber Gertrud hat gelächelt, das ist mir aufgefallen. Obwohl Veronika Schicht hatte. Das ist außergewöhnlich.


Morgen will ich mal was probieren. Aufstehen wie immer. Frühstück: Schweigen. Aber das Duschen will ich heute mal genießen. Wenigstens das. Nicht einfach reinigen, denke ich. Ich will das Wasser spüren auf meiner Haut. Ich will es warm und kalt und wohltuend. Und ich werde zehn Minuten früher wegfahren von zuhause zur Arbeit. Ich nehme mir fest vor, mich nicht mehr jagen zu lassen durch den Verkehr. Ich schaue mich im Rückspiegel meines Autos an und muss lächeln. Na, sagen wir, schmunzelnd. Frau Werner ist Frau Werner, denke ich und Veronika bleibt Veronika. Aber ich kann auch Lieder singen. Wenigstens leise, denke ich. Und wenn es nur ein Summen sein wird, kaum hörbar. Meine Arbeit ist stinklangweilig und schwer, denke ich. Aber es ist mein Tag! Und bei Astrid Lindgren habe ich gelesen: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“

 

Und musste lachen. Der Spruch steckte in meiner Jugend immer am Spiegel im Bad. Waren das Zeiten! Da werde ich ihn mir wieder hinstecken, den Spruch. Und lächeln möchte ich wieder lernen. Ja, es war verlorengegangen. Und ich will es mir nicht einfach „aufsetzen“. Auch das Glück muss man üben! Ich übe lächeln!!!! Wie es geht? Ich möchte lernen, mich selbst zu mögen. So wie ich bin.

 

Unausgeschlafen. Stumm beim Frühstück, und manchmal vergesse ich die Wäsche in der Maschine. Aber ich bin ich. Und ich möchte lernen, mich wieder zu mögen. Ich bin ich. Und ein Lächeln wert!

 

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